Historisch- philosophischer Hintergrund
Die östliche Philosophie begreift den Menschen als Teil eines
übergeordneten Ganzen. In Analogie zum Kosmos stellt er für sie ein
dynamisches Aggregat unsichtbarer Energieströme dar. Nicht kausal-
deterministische Denkweise, sondern induktives Erkennen der Wirklichkeit
führten, lange vor Beginn unserer Zeitrechnung, zu dieser Anschauung. Der Schlüssel zum Verständnis der Feng Shui Lehre liegt im Begriff des Qi. Als Lebenskraft ist Qi (sprich tschi) für alle Entstehungs- und Zersetzungsprozesse im Kosmos maßgeblich verantwortlich. "Das Leben des Menschen ist eine Ansammlung von Qi: bei der Empfängnis nimmt es Gestalt an. Wenn es sich sammelt bedeutet es Leben, wenn es sich zerstreut, bedeutet es Tod" (Zhuangzi). Qi kann Energieströme zerstreuen oder sammeln, in Form
von Wind wirkt es zerstreuend, in Form von Wasser wirkt es sammelnd.
Dieser Eigenschaften des Qi waren es, die zum Begriff "Feng Shui", was
"Wind und Wasser" bedeutet, führten. In
diesem Sinne zeigt die Feng Shui Lehre, wie sich Qi zum Wohle des Menschen
beeinflussen lässt. Gegensätze wie Hitze und Kälte, Helligkeit und Dunkelheit sind polare Qualitäten des Qi und besitzen eher Yin- oder Yang- Charakteristik. Was zunächst als Gegensätzlichkeit erscheint, bildet jedoch bei näherer Betrachtung eine harmonische Einheit. Ziel der Feng Shui Lehre ist es, Yin- Yang- Ungleichgewichte zu harmonisieren, was durch Abschwächung der stärkeren Seite oder durch Stärkung der schwächeren Seite erfolgt. Im Hochsommer oder am Mittag herrscht beispielsweise starker Yang- Überschuss, dem sich in Bezug auf ein Gebäude auf zweierlei Art begegnen lässt: Entweder man ergreift Sonnenschutzmaßahmen durch äussere Verschattung, was zur Schwächung von Yang führt, oder man kühlt das Gebäude aus dem Inneren, was zur Stärkung von Yin führt. Während Verschattung eine Abschwächung der energetischen Differenz bedeutet, führt die Gebäudeklimatisierung zur Verstärkung des Yin- Yang- Ungleichgewichtes. Das Phänomen des "Sick- Building- Syndrom" lässt sich meist durch anhand derartiger Yin- Yang- Ungleichgewichte erklären. Ziel des Feng Shui ist die
Ausgeglichenheit zwischen Yin und Yang. Nur so wird der Mensch langfristig weder physisch noch psychisch
gestresst. Die Art eines Ungleichgewichts bestimmt, welche
Harmonisierungsmaßnahmen
im Rahmen entsprechender Feng Shui Korrekturen angewandt
werden, wobei hierbei die Gegebenheiten vor Ort sorgfältig untersucht werden
müssen. Die Wandlungsphasen stellen eine weitere, tiefer gehende Differenzierung des Qi auf der raum- zeitlichen Ebene dar. Materielle Erscheinungen lassen sich anhand der Interaktion der fünf Wandlungsphasen - auch als Elemente bezeichnet - erklären. Wandlungsphasen werden durch Materialien, Farben oder Formen repräsentiert und können sich, je nach Konstellation in Umgebung oder Räumen, gegenseitig unterstützen, aber auch hemmen. Durch Feng Shui Maßnahmen werden Optimierungen im Zusammenwirken
der Wandlungsphasen erzielt. Dies wirkt positiv auf Erhalt und Steigerung
von Vitalität und Gesundheit des Menschen aus. Der Mensch kann so beim
Erreichen seiner Ziele und Visionen unterstützt werden, ganz so wie - bildhaft
gesprochen - sich der Vogel vom Aufwind in die Höhe tragen lässt. Was die östlichen Philosophie als Qi bezeichnet, wird in der modernen Naturwissenschaft als "kosmisches Hintergrundfeld" oder "Vakuum" bezeichnet. Beide beschreiben ein Phänomen: die materie- und zeitlose Wirklichkeit jenseits unserer erfahrbaren Realität. Hier existiert "Nichts" ausser Potentialität, die den "Nährboden" unserer Realität bildet und im Daoismus, der Grundlage für die Feng Shui Lehre, auch als Dao bezeichnet wird. Im Gegensatz zur modernen Wissenschaft, die sich erst seit den letzten Jahrzehnten von ihren kausal- deterministischen Dogmen zu lösen beginnt und so die Tragweite dieser Erkenntnisse erschliesst, baut die Feng Shui Lehre seit Jahrtausenden auf der Kenntnis kosmologischer Gesetzmäßigkeiten auf und zeigt Möglichkeiten einer energetischen Optimierung der künstlich geschaffenen Umwelt zum Wohle des Menschen.
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